Eine Teamleitung übernimmt Verantwortung für Menschen, Entscheidungen und den gemeinsamen Arbeitsalltag. Doch was macht eine gute Führungsperson aus? Der Zertifikatslehrgang Teamleitung der BFF setzt bei der eigenen Führungspersönlichkeit an. Die Erfahrungen von Absolventin Jeannine Schindler zeigen, wie viel dabei in Bewegung kommen kann.
Früher habe sie vieles «aus dem Bauch heraus» gemacht, erzählt Jeannine Schindler. Mit gesundem Menschenverstand, mit Erfahrungen aus ihrem Studium der Sozialpädagogik und mit dem, was sie im Berufsalltag gelernt hatte. Das habe meistens funktioniert. Aber sie hatte nicht immer eine Erklärung dafür, weshalb sie in einer Situation so und nicht anders reagierte.
Heute kann sie ihr Führungshandeln besser einordnen. Sie kennt verschiedene Modelle und Ansätze, reflektiert Situationen bewusster und hat gelernt, auch einmal einen anderen Weg auszuprobieren. «Ich habe viel über mich und meinen Führungsstil gelernt», sagt sie.
Seit Januar 2021 ist Jeannine Schindler Teamleiterin in der Viktoria-Stiftung Richigen. Sie führt ein Team in einer offenen Wohngruppe für weibliche Jugendliche im Massnahmenvollzug. Ein anspruchsvolles Umfeld, in dem Führung auch pädagogisches Handeln bedeutet.
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Zwischen Offenheit und Klarheit
Ihre eigene Entwicklung hat auch mit ihren Erfahrungen als Mitarbeiterin zu tun. Vor ihrer heutigen Funktion erlebte Jeannine vier verschiedene Teamleitungen. Jede Führungsperson hatte ihren eigenen Stil. Eine davon war für sie ein Beispiel dafür, wie sie selbst auf keinen Fall führen wollte. Also entwickelte sie sich zunächst in die entgegengesetzte Richtung.
«Heute sehe ich den Mittelweg als erfolgversprechend.»
Auch das gehört für Jeannine zum Lernen dazu: herauszufinden, welche Art von Führung zur eigenen Persönlichkeit passt. Und gleichzeitig zu erkennen, was die jeweilige Situation verlangt.
Genau hier setzt der Zertifikatslehrgang Teamleitung in sozialen und sozialmedizinischen Organisationen an. Im Zentrum steht nicht ein allgemeines Rezept für gute Führung, sondern die eigene Führungspersönlichkeit. Die Teilnehmenden erwerben Methoden und Kenntnisse, üben diese ein und setzen sie möglichst direkt in ihrem Berufsalltag ein. Coaching und der Austausch in Kleingruppen unterstützen sie dabei.
Die Praxis kommt mit in den Unterricht
«Wir vermitteln nicht: So muss es sein», sagt Stefan Locher. Viel wichtiger sei der Bezug zu den konkreten Lebenswelten der Teilnehmenden.
Das ist auch deshalb wichtig, weil die Klassen sehr unterschiedlich zusammengesetzt sind. Die Teilnehmenden kommen beispielsweise aus Kitas, Kinder- und Jugendinstitutionen, Tagesstätten, Spitexorganisationen, Alters- und Pflegeheimen oder Institutionen für Menschen mit Beeinträchtigungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Fachpersonen führen. Die Teams können dabei zwischen drei und 30 Personen umfassen.
Was bei einer Teamleitung in einer Kita funktioniert, muss in einer Wohngruppe im Massnahmenvollzug nicht automatisch passen. Und umgekehrt. Deshalb wird im Lehrgang mit Situationen gearbeitet, die die Teilnehmenden selbst mitbringen.
Jeannine hat beispielsweise einen schwierigen Fall aus ihrem Arbeitsalltag in eine Coachinggruppe eingebracht. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmenden konnte sie die Situation aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Dabei wurde ihr auch bewusst, wie stark das Setting des Massnahmenvollzugs die Führungsarbeit prägt. Regeln müssen eingehalten und Grenzen auch gegenüber Mitarbeitenden klar vertreten werden.
Für Jeannine war das eine wichtige Erkenntnis. Sie merkte, dass sie früher manchmal zu offen gewesen war. Wenn Mitarbeitende freundlich fragten, gab sie ihnen vielleicht eher etwas, als eigentlich sinnvoll gewesen wäre. Die Reflexion im Coaching half ihr, dieses Verhalten zu erkennen und ihren Führungsstil weiterzuentwickeln.
Lernen mit anderen, die ganz anders arbeiten
Das Coaching ist ein wichtiger Bestandteil des Lehrgangs. Die ersten beiden Kompetenznachweise werden in kleinen Gruppen von vier bis fünf Personen bearbeitet. Dabei geht es auch um eine persönliche Standortbestimmung und um die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten.
Gleichzeitig entsteht ein Austausch, der über die einzelne Person hinausgeht. Stefan Locher erlebt immer wieder, wie wertvoll es für Führungspersonen ist, ihre Erfahrungen miteinander zu vergleichen.
Wer viele Jahre im gleichen Betrieb arbeitet, gewöhnt sich an die dortigen Abläufe. Was im eigenen Umfeld selbstverständlich erscheint, kann andernorts ganz anders gelöst werden. «Im Austausch wird oft festgestellt, dass andere Betriebe ähnliche Situationen komplett anders bearbeiten», erzählt Stefan Locher.
Auch Jeannine hat diesen Austausch besonders geschätzt. Die Dozierenden habe sie auf Augenhöhe erlebt. Gleichzeitig sei es bereichernd gewesen, sich mit den anderen Teilnehmenden über die eigene Praxis auszutauschen.
Wenn Weiterbildung im Team ankommt
Für Jeannine endet das Lernen nicht mit dem Unterrichtstag. Die Veränderungen, die sie durch die Weiterbildung erlebt hat, bespricht sie auch mit ihrem eigenen Team. Die Mitarbeitenden sollen nachvollziehen können, was sich verändert und weshalb. So wird aus einer persönlichen Weiterbildung ein gemeinsamer Entwicklungsprozess.
Besonders deutlich wird dieser Praxisbezug beim Kompetenznachweis 4/5. Über mehrere Monate setzen die Teilnehmenden ein Projekt mit ihrem eigenen Team um. Sie planen es, beziehen die nötigen Personen ein, beschäftigen sich mit Ressourcen und Budget, dokumentieren den Prozess und werden dabei von den Dozierenden begleitet.
Für Stefan Locher ist das eine der grossen Stärken des Lehrgangs: Die Teilnehmenden arbeiten an etwas, das in ihrem Betrieb tatsächlich relevant ist. Manchmal steht ein solches Projekt ohnehin an. Durch die Weiterbildung wird es zusätzlich strukturiert, reflektiert und dokumentiert.
Das Gelernte bleibt damit nicht im Seminarraum. Es geht zurück in die Teams, in die Organisationen und in den Führungsalltag.
Führung ist Entwicklung
Stefan Locher kennt beide Seiten: die Praxis und die Weiterbildung. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und ersten Erfahrungen im Sozialbereich studierte er Sozialpädagogik. Er war 14 Jahre Heimleiter, zuletzt in einem Sonderschulheim in Bern. Später bildete er sich unter anderem in Coaching, Supervision und Organisationsentwicklung weiter und arbeitet heute auch als Begleiter von Organisationen, Teams und Führungspersonen.
Sein Verständnis von Führung ist entsprechend eng mit der Praxis verbunden. Der Lehrgang soll Führungspersonen nicht einfach möglichst viel Wissen vermitteln. Er soll ihnen helfen, ihre Rolle bewusster wahrzunehmen, ihre Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und den eigenen Führungsalltag zu reflektieren.
Für Jeannine bedeutet das heute vor allem eines: Sie kennt ihren eigenen Führungsstil besser. Sie weiss, wo ihre Stärken liegen, wo sie aufmerksam sein muss und wann es sich lohnt, eine Situation nochmals aus einer anderen Perspektive anzuschauen.
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Vielleicht zeigt sich gute Führung genau dort: nicht darin, immer die richtige Antwort zu kennen, sondern darin, die eigene Antwort hinterfragen zu können. Jeannine hat ihren Führungsstil nicht neu erfunden. Sie hat gelernt, genauer hinzuschauen, bewusster zu entscheiden und auch mal einen anderen Weg zu versuchen. Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus der Weiterbildung: Führung wird nicht einfach gelernt. Sie entwickelt sich mit jeder Situation weiter.
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