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Im Kanton Bern ist die Schulsozialarbeit auf der Sekundarstufe I seit Jahren ein fester Bestandteil des Schulalltags. Seit Dezember 2024 profitieren nun auch die Lernenden der Abteilung Berufsbildung der BFF von diesem niederschwelligen und freiwilligen Beratungsangebot.
Mit diesem Schritt reagiert die BFF auf gesellschaftliche Veränderungen sowie auf die zunehmenden psychosozialen Belastungen junger Menschen. Viele Lernende zeigen einen erhöhten Unterstützungsbedarf. Für Lehrpersonen entstehen dadurch neue Herausforderungen in ihrem Berufsalltag. Sie äusserten daher den Wunsch nach einem professionellen Beratungsangebot für Lernende. So entstand das Pilotprojekt Schulsozialarbeit, das von zwei Sozialarbeiterinnen aufgebaut und weiterentwickelt wurde.
Spürbare Entlastung im Schulalltag
Das Feedback aus dem Kollegium kam postwendend: Die Lehrpersonen sind dankbar und fühlen sich entlastet. Besonders in akuten Krisensituationen der Lernenden zeigt sich, wie wertvoll das Angebot ist.
Die Beratungsgespräche mit Lernenden finden während der Unterrichtszeit statt – ohne Absenzeintrag. Da die Lernenden nur ein bis zwei Tage pro Woche an der BFF sind, ist eine hohe zeitliche Flexibilität entscheidend. Die Anzahl Gespräche variiert stark: Manchmal genügt ein einzelnes Gespräch, manchmal sind bis zu zehn Gespräche notwendig. In einzelnen Fällen erfolgt – in Absprache mit den Lernenden – eine Weitervermittlung an spezialisierte Fachstellen, etwa bei Themen wie sexualisierter Gewalt oder Sucht.
Amelia Plozza: Auf der Suche nach Antworten
Amelia Plozza wandte sich an die Schulsozialarbeit, als ihre engsten Freundinnen für längere Zeit nach Marokko verreisten. Der vorübergehende Verlust ihrer wichtigsten Bezugspersonen löste Ängste aus. In den Beratungsgesprächen zeigten sich weitere Themen. Sie schilderte Gedanken und Verhaltensweisen, die auf eine mögliche ADHS-Symptomatik hindeuteten. Auf Empfehlung der Schulsozialarbeit liess sich Amelia Plozza psychiatrisch abklären und erhielt eine ADHS-Diagnose. Die Schulsozialarbeit unterstützte sie dabei, einen hilfreichen Umgang mit dem ADHS im Alltag zu entwickeln. Heute geht es ihr deutlich besser.
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Offenheit und Vertrauen
Die meisten Lernenden kennen die Schulsozialarbeit bereits aus der obligatorischen Schulzeit. Entsprechend gering ist die Hemmschwelle, das Angebot auch an der Berufsfachschule zu nutzen.
Viele von ihnen haben einen bewundernswerten Umgang mit Mehrfachbelastungen. Ihre Fähigkeit, sich selbst und ihre Lebenssituation zu reflektieren, ist beeindruckend. Sie begegnen der Schulsozialarbeit mit Offenheit und bringen den beiden Schulsozialarbeiterinnen grosses Vertrauen entgegen. Dieses Vertrauen empfinden Danja Zehnder und Meret Feldmann als besonderes Privileg.
Danja Zehnder: Begleiten und Befähigen
Danja Zehnder ist eine der beiden Schulsozialarbeiterinnen an der Abteilung Berufsbildung der BFF. Sie bringt mit ihrem Bachelorstudium in Sozialer Arbeit sowie ihren zahlreichen Weiterbildungen – darunter die beiden CAS-Sexualpädagogik und Prävention/Gesundheitsförderung sowie Ressourcenorientierte Schema-Arbeit – viel Fachwissen und Beratungskompetenz in die Schulsozialarbeit ein.
Nach langjähriger Erfahrung in der Sozial- und Schulsozialarbeit geht sie verantwortungsvoll mit dem Vertrauen ihrer Klient:innen um. Die Lernenden und ihre Geschichten kennenlernen und sie in ihren Prozessen begleiten zu dürfen, empfindet sie als grosse Bereicherung. Ihr Ziel ist es, die Lernenden in der Entwicklung von Selbstvertrauen, Eigenverantwortung und Entscheidungskompetenz zu stärken.
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Vertraulichkeit und Schutzauftrag
Ein zentrales Prinzip der Schulsozialarbeit ist die Freiwilligkeit. Lernende entscheiden selbst, ob sie das Angebot in Anspruch nehmen möchten. Diese Entscheidung stärkt ihre Eigenverantwortung und bildet eine wichtige Grundlage für eine gelingende Zusammenarbeit.
Zudem unterliegt die Schulsozialarbeit der Schweigepflicht. Informationen aus Beratungsgesprächen werden nur mit Einverständnis der Lernenden an Dritte weitergegeben. Ausnahmen gelten bei Selbst- oder Fremdgefährdung. In solchen Situationen müssen weitere Fachpersonen beigezogen werden, um die Sicherheit der betroffenen Lernenden zu gewährleisten. Aktuell entwickeln die Schulsozialarbeiterinnen einen Leitfaden zum Kindes- und Erwachsenenschutz, um betroffene Lernende zeitnah und koordiniert unterstützen zu können.
Angelo Perren: Trauer zulassen
Angelo Perren suchte die Schulsozialarbeit auf, nachdem ihn mehrere Todesfälle in seinem Freundeskreis stark belastet hatten. Gespräche im Freundes- und Familienkreis halfen nur bedingt, weshalb er einen Termin bei der Schulsozialarbeit vereinbarte. In den Beratungsgesprächen lernte er, seine Trauer zu verarbeiten und neue Perspektiven zu entwickeln. Für Angelo Perren ist es wichtig, Gefühle zeigen zu dürfen und offen über seine Situation sprechen zu können.
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Vielfalt als Stärke
Komplexen Themen begegnen die Schulsozialarbeiterinnen in der Beratung mit grosser Sorgfalt. Sie achten die Vielfalt der Lernenden und begleiten sie auf ihren individuellen Lebenswegen. Unterschiedliche kulturelle und religiöse Hintergründe, Geschlechteridentitäten, sexuelle Orientierungen sowie vielfältige Lebensrealitäten finden dabei bewusst Raum.
Auch bei belastenden Themen fehlt im Beratungsalltag selten eine Prise Humor. Er ist ein hilfreiches Werkzeug, um schwierige Situationen gemeinsam zu bewältigen.
Meret Feldmann: Zuhören. Wertschätzen. Stärken.
Meret Feldmann prägt als zweite Schulsozialarbeiterin das Angebot entscheidend mit.
Ihr Weg führte nach der Lehre als Fachangestellte Gesundheit über die Berufsmaturität zum Bachelorstudium in Sozialer Arbeit. Nach jahrelanger Praxis in der Sozial- und Schulsozialarbeit und ihrer Weiterbildung in Systemischer Beratung, investiert sie bewusst in die Beziehungs- und Vertrauensarbeit mit den Lernenden. Eine vertrauensvolle Beziehung ist ein zentraler Wirkfaktor erfolgreicher Beratung. Die Beratungsgespräche gestaltet sie mit grosser Wertschätzung und einem klaren Fokus auf die Ressourcen der Lernenden. Denn es geht in den Gesprächen nicht nur um die Herausforderungen, sondern insbesondere um Stärken und Fähigkeiten.
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Lücke schliessen. Sicherheit schaffen.
Nach dem ersten Jahr zeigt sich: Die Schulsozialarbeit an der Abteilung Berufsbildung der BFF ist zu einem festen Bestandteil des Schulalltags geworden. Sie stärkt Lernende, entlastet Lehrpersonen und schafft zusätzliche Sicherheit im Umgang mit herausfordernden Situationen. Was als Pilotprojekt begann, hat sich zu einem etablierten und geschätzten Unterstützungsangebot entwickelt.
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