Die Schweiz ist kein fertiges Werk. Sie ist im Wandel. Aus alten Bündnissen wuchs ein moderner Bundesstaat. Unsere direkte Demokratie lebt und bleibt offen für neue Ideen. Fortschritt und Vielfalt machen sie stärker. In der Schweiz sollen sich alle verstehen – auch über Sprachgrenzen hinweg. Ein Besuch im Bundeshaus zeigte, wie das funktioniert. Die Nationalrätin Nadine Masshardt gab uns Einblicke in die Arbeit der Politik und zeigte uns dabei Besonderheiten, die selbst nach bestandenem Einbürgerungstest überraschten.
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Martina Moser und Simone Seiler bringen seit zehn Jahren ihre Klassen aus der Abteilung der Berufsbildung, dem Allgemeinbildenden Unterricht für Erwachsene (ABU-E) ins Bundeshaus. Ursprünglich organisiert über den Parlamentsdienst, später in Zusammenarbeit mit der Nationalrätin Nadine Masshardt aus dem Freundeskreis. Für viele Lernende ist es eine Überraschung, dass das Parlament in der Schweiz öffentlich zugänglich ist. Sie sind es nicht gewohnt, Politiker:innen im Alltag zu begegnen, sie im Zug zu sehen oder gar ein Gespräch mit ihnen zu führen. In vielen Ländern sind derartige Begegnungen unvorstellbar, hier aber gehört der Dialog zwischen Volk und Politik zur Demokratie.
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Vom Fundament bis zum Kompromiss
Nationalrätin Nadine Masshardt gab uns zu Beginn Einblicke in die Architektur und Symbolik des Bundeshauses. Im Treppenhaus präsentieren sich vier mächtige Herrenfiguren, die aus einer Zeit vor dem Frauenstimmrecht stammen. Sie wirken nicht nur als Ehrengarde der ebenfalls unübersehbaren drei Eidgenossen in der Kuppelhalle, sondern verkörpern auch die vier Landessprachen der Schweiz: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Ein bisschen verunsichern die vielen lateinischen Texte, wieso gibt es die wohl? Wir wissen es nicht, vielleicht weil es alle verstehen – oder eben genau niemand 😉
Bereits bei der Errichtung des Gebäudes (1898–1902) wurde auf die Verwendung von einheimischem Baumaterial geachtet. 95 Prozent davon wurde aus vielen verschiedenen Landesteilen angeliefert. Obwohl das Gebäude von aussen den Eindruck erweckt, es bestünde aus drei Häusern, ist das Bundeshaus mit West- und Ostflügel im Inneren verbunden.
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Am Ende der Eingangshalle führen zwei Treppen nach oben zu den Garderoben: Eine links und eine rechts. Die Politiker:innen nutzen diese gemäss ihrer Sitzordnung im Parlament und damit auch gemäss ihrer politischen Gesinnung. Trotz dieser Trennung kommen am Ende alle im Saal zusammen, um in Debatten nach Kompromissen zu suchen, Unterschiede zu überwinden und gemeinsame Lösungen zu finden. Im oberen Stock verläuft eine Achse zwischen den beiden Sälen für National- und Ständerat, die symbolhaft das Hin- und Her der Geschäfte innerhalb der Räte zeigt.
Einzig die beiden Präsidierenden des National- und des Ständerats haben eigene Büros im Haus. Für alle anderen Politiker:innen gibt es Arbeitsplätze, die an einen modernen «Coworking-Space» in historischer Umgebung erinnern. Auch die Sitzordnung in den Sälen und die Kleiderregeln im Ständerat sind Teil dieser Form der Zusammenarbeit und Kommunikation, die stets auf Transparenz und Teilhabe setzt.
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Besonders interessant ist auch, dass in den Kantonen Appenzell Innerrhoden und Glarus bis heute die Landsgemeinde existiert, bei der die Bürger:innen direkt vor Ort ihre Stimme abgeben – ein weiteres Beispiel für die Schweizer Tradition der direkten Demokratie.
Zwei Kammern, ein Ziel
In vielen Ländern hat das Parlament nur eine Kammer – in der Schweiz sind es zwei. Nationalrat und Ständerat sind gleichberechtigt. Sie bearbeiten dieselben Geschäfte mit denselben Kompetenzen, doch sie repräsentieren unterschiedliche Perspektiven: Während der Nationalrat mit seinen 200 Mitgliedern die Bevölkerung nach Parteistärken abbildet, vertritt der Ständerat mit 46 Sitzen – je zwei pro Kanton – die Interessen der Kantone. Beide Räte tagen viermal jährlich für je drei Wochen, ergänzt durch eine Sondersession im Mai. Dabei wird von morgens früh bis abends spät debattiert, diskutiert, entschieden.
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Die eigentliche Arbeit geschieht jedoch oft in den Kommissionen. Diese kleineren Gruppen arbeiten intensiv an den Geschäften. Hier wird vorbereitet, verhandelt, und wer in diesen Kommissionen Mehrheiten schafft, hat gute Chancen, dass ein Geschäft auch im Rat durchkommt. Es ist der Kern der politischen Arbeit, der häufig im Hintergrund abläuft und den Kurs für die grossen Debatten im Plenum setzt.
Um Machtkonzentration zu vermeiden, wird das Präsidium von National- und Ständerat jährlich neu gewählt. Diese Rotation sorgt dafür, dass keine einzelne Person zu viel Einfluss auf die Entscheidungen hat.
Verlorene Schritte und gefundene Wege
In der Wandelhalle, dem Treffpunkt für Lobbierende und Interessensvertretungen, fliessen die verschiedenen politischen Strömungen zusammen. Der französische Begriff «Pas perdus» – «verlorene Schritte» – beschreibt treffend die oft schwierige Arbeit, die Verbände und Organisationen leisten, wenn sie versuchen, Politiker:innen zu überzeugen. Die Wandelhalle ist ein Ort, an dem sich die verschiedensten Interessen begegnen und austauschen. Nationalrät:innen dürfen dabei sogar zwei weiteren Personen Zugang zum Bundeshaus gewähren, wodurch dieser Bereich oft von einer lebendigen, aber auch herausfordernden Mischung aus Politik, Interessensvertretungen und Presse geprägt ist.
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Doch nicht nur die Architektur und die politischen Abläufe im Bundeshaus sind faszinierend. Auch die Geschichte der Schweiz spiegelt sich in diesem Gebäude wider: von der ersten Bundesverfassung 1848 über die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 bis hin zu den großen Verfassungsreformen von 1874 und 1999. In der Wandelhalle sind überall bedeutungsvolle Bilder zu finden, die die Tugenden der Schweiz darstellen: Wahrheit, Weisheit, Heimatliebe, Fruchtbarkeit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Bei klarem Wetter bietet sich zudem ein beeindruckender Blick auf das Alpenpanorama, das das majestätische Gebäude einrahmt und uns an die gelebte Tradition der Schweiz erinnert, sowohl in der Politik als auch in der Natur.
Am Ende des Besuchs wurde die Bedeutung der Transparenz in der Schweizer Politik klar. Die Debatten in National- und Ständerat sind öffentlich – und wer von der Tribüne aus zuhört, ob Medien, Gruppen oder Einzelpersonen, gehört auf stille Weise mit zum Dialog. Es bleibt zu hoffen, dass wir durch die Lernenden auch Einblicke in die politische Arbeit eines anderen Landes erhalten. Es würde uns freuen, darüber berichten zu können.
Zum allgemeinbildenden Unterricht für Erwachsene
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